Zeit zum Aufräumen!

ein Kommentar von Marita Vollborn


Am Anfang stand ein Video, wie so oft. Tierrechtler von Animal Rights Watch (ARIWA) waren im Juni in einen Schweinestall im neubrandenburgischen Siedenbollentin eingedrungen und hatten Sauen und Ferkel gefilmt: Die Sauen sind in sog. Kastenständen eingepfercht, aus Metallrohren bestehende Gatter, die sie daran hindern, sich umzudrehen oder herumzulaufen, nicht einmal die Beine können sie ausstrecken, einige krank, dazu schwerstverletzte und sterbende Ferkel. Besonders heikel: Dirk Andresen, Sprecher von "Land schafft Verbindung" (LsV), ist Anteilseigner an genau diesem Betrieb. Andresen hatte daraufhin dem SPIEGEL über seinen Anwalt mitteilen lassen, dass die in den letzten Monaten durch Bestandstierärzte, das Veterinäramt und unabhängige Audits erfolgten Kontrollen des Stalles keinerlei Missstände offenbart hätten.


Die vom SPIEGEL veröffentlichten, verstörenden Bilder führen indes nicht etwa zu einem Aufschrei von Klöckner & Co, zu Spontandemos vor dem Bundesklanzleramt oder den Landwirtschaftsministerien der Länder - nein, wieder einmal tönten die Klageschreie der Bauernlobbyisten am lautesten. Von Denunziation und Verhetzung war die Rede.


Fakt ist: ARIWA zeigt hier nur die übliche Art und Weise der Schweineproduktion. Denn aus Kostengründen wird an tierwohlgerechten Umbauten und an Personal gespart, Geburten werden nicht überwacht. Die Bauern lassen schwache und verletzte Tiere verenden, um Tierarztkosten zu sparen, oder sie töten sie und führen sie den Abdeckereien zu. Als am 5. Juni der Bundesrat über die Verordnung der Bundesregierung abstimmen will, die Schweinehaltung neu zu regeln, brodelt es gewaltig – wieder einmal. "Alarmstufe rot" für "Ferkelerzeuger" schon bei der Marginalforderung, die Kastenhaltung der Sauen künftig auf höchstens fünf statt wie bisher 35 Tage (!) im Abferkelbereich und acht Tage statt bisher 28 Tage (!) im Deckzentrum zu erlauben.


Das System Landwirtschaft ist faul – von der Wurzel bis in die Spitzen. Viel zu geringe Erzeugerpreise, viel zu viel Einfluss von Lebensmittelindustrie, Agrochemie und Handel, welche die Konsumenten über Jahrzehnte zu geizigen Fleisch- und Vielfraßen erzogen haben. Kaum ein Berufszweig hat eine derart starke Lobby wie die Bauern. Die Agrarpolitik ist gekauft, führende Agrarpolitiker blockieren seit Jahren den dringend notwendigen Umbau der Landwirtschaft, einer Landwirtschaft, die jährlich mit Milliarden Euro Steuergeldern subventioniert wird (2019: 6,7Mrd.) – übrigens eine Einkommensgarantie, die keinem anderen Berufszweig vergönnt ist. Schon auf Grund dieser chronischen Anmaßung stößt übel auf, wenn die Bauernschaft Tierrechtler und Naturschützer als Hetzer diffamiert, in Trekkerkonvois ganze Innenstädte lahmlegt oder die ach so prekäre Lage bejammert, statt in den eigenen Reihen aufzuräumen. Haben Landwirte das Sehen verlernt? Erkennen sie nicht, dass die Prämisse der Produktion "Masse statt Klasse" die Großen und Fetten bedient, die Kleinen aber durchs Raster fallen lässt?


Das Höfesterben ist allein dieser Politik und Verfahrensweise geschuldet, und eben nicht dem Anspruch eines wachsenden Anteils der Bevölkerung, Nahrungsmittel naturverträglich zu produzieren und Nutztiere artgerecht zu halten.

Daher unser Aufruf an all jene Bauern, die immer noch völlig unreflektiert in den Kanon des Bauernverbandes und all der anderen Fachverbände wie auch jenen der Agrar-, Agrochemie- und Ernährungswirtschaft einstimmen: Findet heraus, wer von euren Funktionären wie viel und wo kassiert und beendet die Ungerechtigkeit in den eigenen Reihen. MACHT ENDLICH SAUBER!


Video zum Kommentar

Studie Agrarlobbyismus: - Studie "Verflechtungen und Interessen des Deutschen Bauernverbandes (DBV)" (iaw - Institut Arbeit und Wirtschaft/Universität Bremen, April 2019)

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