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Präventionsdiagnostik: DGKL will Lauterbach helfen

(DGKL News) Anlässlich des Welttags des Labors fordert der Präsident der Deutschen Gesellschaft für klinische Chemie und Labormedizin (DGKL), Harald Renz, den Einsatz der medizinischen KI für die bessere Erstellung von Diagnosen und Therapien – und bietet Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) Hilfe beim Thema Präventionsdiagnostik an. Der Mediziner Renz ist Direktor sowie Professor am Institut für Labormedizin und Pathobiochemie, Molekulare Diagnostik der Philipps Universität Marburg.


Credits: Unsplash/NCI
Credits: Unsplash/NCI

DGKL News: Herr Prof. Renz, Hand aufs Herz: Wann haben Sie sich zum letzten Mal freiwillig die Blutwerte bestimmen lassen?


Renz: Ich persönlich mache regelmäßig, rund einmal im Jahr, einen Labor-Checkup. Auf väterlicher Seite gibt es ein erhöhtes Risiko für Herz-Kreislauferkrankungen, auf mütterlicher Seite für Krebserkrankungen. Und jetzt mit 63 Jahren kommt man in eine Altersgruppe mit erhöhtem Risiko. Seit Jahren mache ich intermittierendes Fasten – und auch das muss kontrolliert sein.


DGKL News: Jedenfalls sind Sie als Patient in Sachen Labordiagnostik nicht allein. Im Fachblatt mit dem wenig einprägsamen Namen „GMS Zeitschrift zur Förderung der Qualitätssicherung in medizinischen Laboratorien“ konnten wir erfahren, dass die jährliche Zahl der Laboruntersuchungen in Deutschland im Milliardenbereich liegt. Naiv gefragt: Wie kommt diese enorme Zahl zustande, wenn wir doch lediglich etwas über 80 Millionen Menschen im Land haben?


Renz: Eine Milliarde hört sich erstmal viel an, bedeutet aber nicht mehr als ca. 10-15 Laboruntersuchungen pro Mitbürger und Jahr. Das ist lediglich ein Durchschnittswert und dahinter liegt eine riesige Streuung. Ein Intensivpatient, der beispielsweise nach einer Blutvergiftung schwer erkrankt ist, braucht im Laufe seines Krankenhausaufenthaltes mehrere Hundert Laboruntersuchungen.


DGKL News: Und daher ließe sich schlussfolgern, dass….


Renz:…Laboruntersuchungen rational und rationell eingesetzt werden müssen. Mehrere Tausend Labortests stehen heutzutage für den Alltag eines jeden Arztes zur Verfügung. Da verliert man leicht die Übersicht. Und es braucht einen Lotsen durch das System.


DGKL News: Wenn wir Sie richtig verstehen, dienen medizinische Laboruntersuchungen nicht nur der Diagnose des einzelnen Patienten oder Patientin, sondern bilden das Gerüst der gesamten ärztlichen Diagnostik?


Renz: Ein wesentlicher Baustein der Diagnostik ist die sogenannte „in-vitro-Diagnostik“. Darunter verstehen wir die Diagnostik an Geweben. Das macht der Pathologe. Dann gibt es noch die Diagnostik an Flüssigkeiten – das macht der Labormediziner.


DGKL News: Halten Sie die Labormedizin für systemrelevant?


Renz: Absolut. Denken Sie nur an die Corona-Pandemie: Was wäre wir ohne eine Labordiagnostik gewesen? Ich denke an die Bedeutung der Antigen-Tests. Oder jene der PCR-Untersuchungen. Eine funktionierende Pandemiebekämpfung ohne Labormedizin? Unvorstellbar!


DGKL News: Glauben wir den statistischen Zahlen von Destatis, machen die Kosten für Labordiagnostik lediglich rund drei Prozent aller Gesundheitsausgaben in Deutschland aus. Warum ist Labordiagnostik gesundheitsökonomisch betrachtet so effizient?


Renz: Meiner Ansicht nach sind 3 Prozent sogar noch zu hoch gegriffen. Viele Laboruntersuchungen, gerade des täglichen Bedarfs, verursachen Kosten im Cent-Bereich. Das ist vielen Ärztinnen und Ärzten gar nicht bewusst. Dem stehen natürlich auch hochspezialisierte Laboruntersuchungen entgegen, die im zweistelligen Euro-Bereich angesiedelt sind.


DGKL News: Dabei sind bundesweit lediglich rund 2000 Fachärztinnen und Fachärzte für Labormedizin vorhanden, was nicht einmal 0,5 Prozent aller Mediziner ausmacht. Woran liegt das?


Renz: Nach unseren eigenen Recherchen sind ca. 12.200 Ärztinnen und Ärzte labormedizinisch beruflich aktiv. Diese relativ geringe Zahl hat mehrere Ursachen. Zum einen gibt es auch nur wenige weiterbildende Stellen, also Praxen oder Krankenhäuser, in denen eine Weiterbildung zum Facharzt für Labormedizin möglich ist. Zum anderen hat das Fach leider noch nicht das Image erreicht, wie wir es uns gerne wünschen würden. Dies richtet sich insbesondere an den medizinischen Nachwuchs, also die Studierenden in den fortgeschrittenen Semestern. Wir wissen, dass wir hier Nachholarbeit zu leisten haben.


DGKL News: Man muss demnach fit in Medizin, Chemie und Biochemie sein, um das Zusammenspiel der Werte korrekt interpretieren zu können. Im Praxisalltag sieht das unserer Erfahrung nach anders aus:  Neulich erfuhren wir von einem Fall, bei dem ein niedergelassener Hausarzt im ländlichen Raum seine Patientin wegen eines erhöhten TSH Wertes sofort an die Nuklearmedizin überwies, obwohl er die ausschlaggebende T3 und T4 Werte gar nicht bestimmt hatte. Was wäre aus labormedizinischer Sicht die intelligentere Vorgehensweise gewesen?


Renz: Es braucht den Lotsen im Dschungel der Labormedizinischen Untersuchungen. Dieser Lotse kann einmal der Arzt selber sein – wir könnten uns aber auch vorstellen, dass KI-basierte Algorithmen hier zukünftig noch weiter unterstützen können. Am Ende des Tages geht es um eine rationelle und rationale Labormedizin. Das was notwendig ist muss auch gemacht werden, um zielführend den Patienten zu seiner Diagnose und damit seiner Therapie nahezubringen.


DGKL News: Ein Wert allein kann, muss demnach nichts aussagen. Wenn aber schon Allgemeinmediziner an derartigen Herausforderungen zu knabbern haben – wie bewerten Sie den derzeitigen Hype um sogenannte Point-Of-Care Tests (POCT), bei dem sich die Patienten selbst auf bestimmte Werte mit Kits aus der Apotheke untersuchen?


Renz: Das entscheidende für Deutschland ist, dass Labormedizin eine ärztliche Leistung ist. Mehr Laboruntersuchungen, etwa in Apotheken oder Drogerien, sind dabei nicht unmittelbar zielführend. Vielmehr kommt es darauf an, dass die erhobenen Werte fachärztlich interpretiert und eingeordnet werden. Der Patient darf in der Apotheke und Drogerie nicht allein gelassen werden – auch im Internet nicht. Das muss man klar regulieren.


DGKL News: Es gibt demnach ein differenziertes Bild. Manche POCT sind sinnvoll und funktionieren, andere indes liefern weniger valide Ergebnisse. Die DGKL hat daher die Pläne von Bundesgesundheitsminister Karl Lauterbach (SPD) scharf kritisiert, die eine Verlagerung der Präventionsdiagnostik zu mehr POCT in Apotheken vorsehen. Wie hat der Minister reagiert?


Renz: Bisher haben wir hier keine Reaktion wahrnehmen können. Selbstverständlich stehen wir jederzeit für Gespräche zur Verfügung.


DGKL News: Wenn aber die Labordiagnostik hochkomplex ist, sollte sie auch große Chancen im Dienst der Medizin und Gesundheitsversorgung bieten. Welche sind das?


Renz: Neben vielen anderen Möglichkeiten möchte ich das Thema der sogenannten personalisierten oder Präzisionsmedizin nennen.


DGKL News: Konkret heißt das?


Renz: Heute gibt es für Patienten insbesondere mit chronischen Erkrankungen hochspezialisierte und feinregulierte therapeutische Ansätze, die aber entsprechend zugeordnet und ausgewählt werden müssen. Hierzu sind häufig sogenannte „Biomarker“ geeignet, also Labortests, die dem Kliniker helfen, die richtige Therapieauswahl bei diesen komplexen chronischen Erkrankungen zu treffen.


DGKL News: Das klingt gut, nur: Wie wollen Sie als Präsident der DGKL mit dem drohenden Fachkräftemangel umgehen, der zunehmend auch die Labormedizin erfasst?


Renz:  Wir müssen gegensteuern. Das heißt aber auch, dass wir viel proaktiver auf die Medizinstudierenden, die jungen Ärzte und die Ärztinnen und Ärzte in der Weiterbildung zugehen müssen. Wir haben in der Vergangenheit viel zu wenig herausgestellt, welche tollen Möglichkeiten die Labormedizin in einem auch patientennahen medizinischen Berufsumfeld bietet. Mit unserer Sektion „Junges Labor“ steht nunmehr eine Plattform zur Verfügung, die regen Zuspruch in der jüngeren Generation findet.


DGKL News:  Für die Zukunft setzen Sie auf KI und das digitale Labor. Können Sie uns das genauer erklären


Renz: Die Kunst wird darin bestehen, aus der Vielzahl der Gesundheitsdaten, die ein Patient in seinem Leben sammelt, ein passgenaues, individuelles Bild zu erstellen. Das stünde dann zur Verfügung, um beispielsweise bei neu einsetzenden Erkrankungen, Unfällen und anderen gesundheitlichen Situationen schnell und passgenau die richtigen Lösungen zu ermöglichen.


DGKL News: Wozu dann die KI?


Renz: Diese Vielzahl an Daten, und dazu gehören in erster Linie auch die Labordaten, kann heute durch den Menschen in der enormen Komplexität und Fülle gar nicht mehr richtig erfasst werden, zumindest nicht auf die Schnelle. Hier helfen KI-basierte Algorithmen, die allerdings zunächst einmal weitestgehend neu entwickelt werden und auch in Bezug auf ihre Validität hin der Überprüfung standhalten müssen.


DGKL News: Wenn Sie am Welttag des Labors als Präsident der DGKL einen Wunsch frei hätten…


Renz:…dann würde ich mich darüber freuen, wenn der Stellenwert und die Bedeutung der Labormedizin bei den Politikern und Gesundheitsökonomen endlich den Stellenwert erhalten würde, der ihr zusteht.


DGKL News: Herr Prof. Renz, wir danken Ihnen für dieses Interview.


Die Fragen stellten Marita Vollborn und Vlad Georgescu.


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