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Historiker Martin H. Geyer: „Inflation fördert den Protest“

Professor Martin H. Geyer ist Professor für Neuere und Neueste Geschichte am Historischen Seminar der LMU. Im Interview erläutert er, welche Unterschiede es zwischen der aktuellen Teuerung und historischen Erfahrungen mit Inflation gibt.


Auszüge:


Foto: Imelda/ Unsplash


Hyperinflation wie 1923 war ein zeitlich sehr begrenzter Sonderfall, aber mit zweistelligen Inflationsraten haben viele europäische Länder im 20. Jahrhundert immer wieder über Jahre hinweg gelebt, etwa Italien. Wie hat sich das auf die Gesellschaft ausgewirkt?

Was man sicher sagen kann: In Zeiten zweistelliger Inflationsraten nehmen Verteilungskonflikte rapide zu, das ist gar keine Frage. Lohnkämpfe wurden in Italien oder Frankreich in den 1970er-Jahren auch ganz anders ausgetragen als die sehr disziplinierten deutschen Tarifverhandlungen. Da gab es Fabrikbesetzungen, direkten Kampf. Inflation fördert definitiv den Protest. Was für eine Art von Protest? Nach dem Ersten Weltkrieg konnte man sehen, dass das ein ziemlich populistischer Protest war, der mit sehr verschiedenen politischen Argumenten verknüpft wurde. Protest in Inflationszeiten kann man mit Antikapitalismus verbinden, mit Antisemitismus, aber auch mit sozialpolitischen Forderungen, also Rentnerproteste etwa.


[...]


Wenn Sie auf die jetzige Teuerung und allgemein die Wirtschaftslage schauen und dabei historische Vergleiche ziehen: Haben Sie Angst?


Nein. Angst, das würde ich nicht sagen. Es passieren zwar in letzter Zeit viele Dinge, mit denen man vor ein paar Jahren nicht gerechnet hätte. Aber ich vertraue darauf, dass die Probleme, wie wir sie jetzt im Augenblick haben, lösbar sind. Natürlich kann noch viel passieren, was wir jetzt nicht erwarten. Und wenn man da alles in Betracht zieht, schläft man natürlich nicht mehr besonders gut.


Sollte man denn keine Worst-Case-Szenarien entwerfen, um auf etwas vorbereitet zu sein, das es ähnlich in der Geschichte schon gegeben hat?


Man kann sagen, Warnungen haben den Sinn, die Bevölkerung auf Einschnitte vorzubereiten. Aber Warnungen können auch in schädlichen Alarmismus und Panikmache umschlagen. Um noch mal auf die Inflation zu kommen: Selbst wenn die noch auf zwölf oder 15 Prozent steigen würde, was natürlich schon sehr dramatisch wäre, glaube ich dennoch, dass sie in den Griff zu bekommen ist, schlimmstenfalls mit einer scharfen Rezession. Dass es in dieser Hinsicht also keinen Kontrollverlust gibt, wie ihn Deutschland schon mal erlebt hat.

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