FOOD MAFIA: Warum unser Buch diesen Namen trägt

LifeGen.de, 3.3.2015 Die Lebensmittelindustrie bereits im Titel eines Buches mit dem Begriff Mafia in Verbindung zu bringen, mag auf den ersten Blick überzogen erscheinen. Und tatsächlich geht es hier nicht um die klassischen Mechanismen der organisierten Kriminalität. Steckten sie hinter den von uns beschriebenen Machenschaften, könnten wir uns als Verbraucher wohl eher zurück lehnen – bestünde doch die Hoffnung auf funktionierende staatliche Strukturen, die helfen würden, die unlauteren und illegalen Geschäfte zu torpedieren und zu unterbinden. So aber verbirgt sich hinter der Food-Mafia ein perfides Netzwerk aus Unternehmensvertretern, Lobbyisten, Funktionären und gewogenen Volksvertretern, das mittlerweile weite Teile der Landwirtschafts- und Ernährungspolitik umsponnen hat. Ob Nanofood, Klonfleisch oder die faktisch fehlende Lebensmittelkontrolle, die Food-Mafia bestimmt ohne unser Wissen, was wir essen sollen und was nicht. Dabei nimmt sie die Gesundheitsrisiken der Konsumenten willentlich in Kauf. Und anders als die Akteure der Organisierten Kriminalität tritt die Food-Mafia als Club der Saubermänner in Erscheinung – mit dem Ziel, private und Konzerninteressen mit allen Mitteln durchzusetzen. Denn es geht um sehr viel Geld.

von Marita Vollborn und Vlad Dan Georgescu



Ohnehin bewegen sich Lebensmittelkonzerne oft auf moralisch wie ethisch dünnem Eis. Immer wieder werden sie von Verbraucherschützern wegen ihrer aggressiven Werbung gerügt oder aufgerufen, sich mehr und ehrlicher um gesundheitliche Aspekte in der Nahrung zu kümmern. Der Grat zwischen Übertreibung und Irreführung ist oft sehr schmal; besonders umstritten sind gesundheitsbezogene Werbeaussagen und das Umgarnen von Kindern. Vor allem die rapide Ausbreitung von Zivilisationskrankheiten wie Diabetes, Schlaganfall, bestimmten Krebsarten und Herzkrankheiten, die eine starke ernährungsphysiologische Komponente haben, bereitet Medizinern zunehmend Sorgen und belastet die Gesundheitssysteme.


Grund genug für ein internationales Wissenschaftlerteam, die Zusammenhänge zwischen Konsum und Krankheit zu untersuchen. Jüngsten Schätzungen zufolge starben 2010 34,5 Millionen Menschen an nichtübertragbaren Krankheiten, bis 2010 könnten es bereits 50 Millionen Tote sein. In ihren Ergebnissen, die sie im renommierten medizinischen Fachblatt The Lancet veröffentlichten, kommen die Forscher zum Schluss, dass internationale Lebensmittelkonzerne mit ihren Produkten als maßgebliche treibende Faktoren für diese Epidemie mitverantwortlich sind, während sie gleichzeitig vom steigenden Verbrauch dieser ungesunden Nahrungsmittel profitieren.


Die Lebensmittelindustrie als „Menschen-Mäster“? Das Urteil der Forscher ist eindeutig: Die Konzerne untergraben systematisch die Gesundheitspolitik und wenden die gleichen Methoden an wie die Tabakindustrie. Sie erklären die bisherige Strategie der Selbstverpflichtung und Aufklärung für gescheitert. Auch mit den Großkonzernen über Obergrenzen von Zucker, Fett und Salz in ihren Produkten zu verhandeln, halten sie für sinnlos: „Eine Selbstverpflichtung ist, als würden Sie Einbrecher damit beauftragen, ein Türschloss einzubauen“, schreiben sie.


Als es 2010 darum ging, europaweit Produkte hinsichtlich ihres Zucker-, Fett- und Salzgehalts mit Hilfe einer Lebensmittel-Ampel klar zu kennzeichnen, setzte sich die Industrie durch. Das EU-Parlament knickte ein und votierte gegen die Ampel, obwohl es sich dabei um ein leicht verständliches System handelte: Grün sollte dem Verbraucher zeigen, dass wenig Zucker, Fett oder Salz enthalten ist, gelb sollte für einen mittleren und rot für einen hohen Gehalt stehen.


2009 hatten die gesetzlichen Krankenkassen die Bundesregierung und die zuständigen EU-Parlamentarier in einem Brief aufgefordert, sich für das Ampel-System stark zu machen: „Die Intransparenz über die Zusammensetzung eines ständig wachsenden Lebensmittelangebots und die hinzukommenden irreführenden Werbeversprechen der Hersteller konterkarieren unser Engagement für einen gesunden Lebensstil“, schrieben sie in einem offenen Brief. Als wirkungsvoller als eine Gesundheitsreform schätzte die Allgemeine Ortskrankenkasse (AOK) die Lebensmittel-Ampel ein. Sie hatte Eltern nach ihrem Wissen über Getränke befragt und festgestellt, dass nur knapp ein Viertel den Zuckergehalt von Cola und anderen Softdrinks korrekt beurteilte. Auch wünschten sich mehr als 90 Prozent aller Eltern eine einfache Kennzeichnung, um auf den ersten Blick erkennen zu können, was gut für ihre Sprösslinge ist. Allein in Deutschland verursachen ernährungsbedingte Krankheiten 70 Milliarden Euro pro Jahr, gab die AOK zu bedenken.


Wenige Monate nach den Krankenkassen ersuchten auch der deutsche Berufsverband der Kinder- und Jugendärzte sowie die Vereinigung der europäischen Kinderärzte bei den Politikern um ihren Einsatz im Dienste der Gesundheit: „Wir bitten Sie dringend, nicht nur die Interessen der Nahrungsmittelindustrie zu unterstützen.“ Doch umsonst – die Konzerne trugen den Sieg davon. Wieder einmal hatte sich für sie der massive monetäre Einsatz gerechnet: Eine Milliarde Euro hatte die Branche nach eigenen Angaben in den Feldzug gegen die Ampel gesteckt.


Quecksilber – Kein Problem der Zahnärzte mehr


Wer die desolate Lage der deutschen Lebensmittelkontrollen verstehen will, muss sich ein wenig mit analytischer Chemie befassen. Rein technisch betrachtet lassen sich heute mit Hilfe hochkomplexer Apparate Substanzen in geringster Menge nachweisen. Ob Quecksilber, Cadmium, Dioxin oder Blei – in jeder Probe ließen sich diese Stoffe detektieren. Dass somit selbst die Gurke aus biologischer Landwirtschaft dioxin-belastet sein kann, hat freilich mit der sogenannten Nachweisgrenze zu tun.


Darunter verstehen Chemiker jene rein technisch festgesetzte Menge einer Substanz, die sich mit Hilfe des geeigneten Verfahrens überhaupt nachweisen lässt. Diese technisch festgelegte Nachweisgrenze sagt freilich nichts über die Herkunft oder die Gefährlichkeit des entsprechenden Moleküls aus. So kann, rein theoretisch betrachtet, ein sensibles Analyseverfahren ein Dioxinmolekül aufspüren, das irgendwann, irgendwo auf dieser Welt freigesetzt worden ist und über welchen Weg auch immer zur untersuchten Probe gelangte. Weil diese Art der Analyse keinen Sinn ergibt, führten Chemiker sogenannte Grenzwerte ein. Darunter versteht man jene Menge einer Substanz, oberhalb derer bestimmte gesundheitliche Beeinträchtigungen zu erwarten sind. Laut Weltgesundheitsorganisation (WHO) sollte die wöchentliche Quecksilber-Gesamtaufnahme beim Menschen fünf Mikrogramm pro Kilogramm Körpergewicht nicht überschreiten.


Wie aber weiß man, wann diese Menge erreicht ist? Um das herauszufinden, müssten zunächst sämtliche Lebensmittel, die ein Mensch jede Woche verzehrt, auf Quecksilber untersucht werden. Um eine Aussage darüber treffen zu können, inwieweit ein bestimmtes Produkt besonders belastet ist, muss man möglichst viele Proben davon untersuchen.


Denn das, was man bei Wahlen repräsentative Untersuchungen nennt, kennt die analytische Chemie nur begrenzt: So kann eine Fischcharge belastet sein, während eine andere relativ schadstofffrei daherkommt – doch schlimmstenfalls gelangen letztendlich beide unter dem Label des gleichen Herstellers in den Handel. Verbraucher lassen sich demnach nur dann effektiv über Lebensmittelkontrollen schützen, wenn die Zahl der Proben sehr groß ist. Die Realität sieht anders aus. Für die DNR-Studie beispielsweise wurden lediglich 26 Fischproben aus Deutschland und fünf weiteren EU-Staaten getestet. Auf den Philippinen gelangten zehn, im indischen Bundesstaat Westbengalen nur 56 Produkte ins Labor. Zudem stammten die deutschen Proben ausschließlich von Fischmärkten und Feinkostgeschäften in Berlin. Man muss keinen Doktortitel in analytischer Chemie besitzen, um zu erkennen: Viel ist das nicht.


Umso erschreckender waren die Ergebnisse, gerade aufgrund der geringen Probenzahl. Nahezu alle Testergebnisse deuteten nämlich auf massive Überschreitungen der Quecksilber-Grenzwerte. Wer diese Fische konsumierte, trug wesentlich dazu bei, die von der WHO als Maximaldosis erachteten fünf Mikrogramm je Woche und Kilo Körpergewicht zu überschreiten.


FOOD MAFIA: Wehren Sie sich gegen die skrupellosen Methoden der Lebensmittelindustrie

von Marita Vollborn, Vlad D. Georgescu

Auszug mit freundlicher Genehmigung des Campus Verlags Frankfurt am Main/ New York



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