Die Weltgesundheitsorganisation – WHO?


Sie ist altehrwürdig, seriös, objektiv und stets im „Bestreben, allen Menschen der Welt ein Gesundheitsniveau zu ermöglichen, das es ihnen erlaubt, ein sozial und wirtschaftlich produktives Leben zu führen“. Im Jahr 2030 wollte sie dieses Ziel erreicht haben.[1] So jedenfalls sah die Weltgesundheitsorganisation ihre Aufgabe noch 1999 – ein Jahr, bevor Bill und Melinda Gates ihre Stiftung gründeten.


von Marita Vollborn


Die Hauptaufgabe, ein Basisgesundheitssystem auch in den armen Ländern zu etablieren, gründet sich auf die Ergebnisse einer ihrer Kommissionen, die sich bereits in den 1980er Jahren mit sozialen Fragen beschäftigt hatte, und deren Fazit war: Nicht irgendein Killer-Virus bedroht die Menschen; es sind die Lebensverhältnisse, die geändert werden müssen, um die Gesundheit nachhaltig positiv beeinflussen zu können. Sie kam zum Schluss, dass soziale Ungleichheit die meisten Todesopfer fordert.


Diese Zeiten der einst so angesehenen Gesundheitsbehörde der Vereinten Nationen (United Nation, UN) sind längst vorbei. Davon, dass ein Basisgesundheitssystem in armen Ländern Priorität hat, will sie nichts mehr wissen – oder besser: darf sie nichts mehr wissen. Denn sie ist längst nicht mehr Herrin ihrer selbst. Kofi Annan, 1997 bis 2006 Generalsekretär der WHO, geriet Ende der 1990er Jahre in eine Zwickmühle, war doch die WHO dabei, finanziell den Boden unter den Füßen zu verlieren. Während ihr Budget über Jahrzehnte aus Pflichtbeiträgen ihrer 194 Mitgliedsstaaten bestand, bemessen nach Bevölkerungszahl und Wohlstand, setzten die USA 1993 durch, dass die Pflichtbeiträge eingefroren wurden. Heute machen diese gerade einmal 20 Prozent des Gesamtbudgets der WHO aus. Annan wandte sich also an andere potenzielle Geldgeber – Privatunternehmen, Stiftungen und Wohlhabende. Mit diesem entscheidenden Schritt begab sich die WHO in eine Abhängigkeit, die sie zu dem gemacht hat, was sie heute ist: neben einer Institution, die international verbindlich Krankheiten definiert, Standards für deren Behandlungen und den Umgang mit Umweltgiften setzt, ist sie ausführendes Organ der Gates-Stiftung, der Pharmaindustrie und staatlicher Projekte.


Nachdem Annan Reiche und Konzerne erfolgreich umworben hatte, besteht der Mammutanteil des WHO-Budgets von ca. 4,4 Milliarden US-Dollar nunmehr zu 80 Prozent aus Spenden. Daran wäre an sich nichts Verwerfliches. Doch einerseits sind diese Geldgaben nicht verlässlich, so dass die WHO nicht planen kann. Andererseits sind die meisten Spenden zweckgebunden; allein die Spender diktieren, wofür das Geld ausgegeben werden soll und wofür nicht. Hinzu kommt, dass sich die Spender mehr oder weniger an einer Hand abzählen lassen. Neben der Pharmaindustrie gehört die Bill & Melinda Gates Stiftung (BMGF) zu den Gönnern. Die Höhe der Summen, die die BMGF an die WHO überweist, sind bemerkenswert. In der Zeit zwischen 2018 und 2019 bemaß sich die Zahlung auf 550 Millionen US-Dollar. Damit war die BMGF mit einem Anteil von etwa 13 Prozent nach den USA der zweitgrößte Geldgeber (Stand 2016/17). Wie strategisch Gates denkt und wie stringent er seine Interessen verfolgt, wird deutlich, wenn man einen Blick in die jüngere Geschichte wirft. Auf dem Weltwirtschaftsforum in Davos (WEF) im Januar 2010 kündigte Gates schon an, worum sich die Welt in den Folgejahren zu kümmern hat; zehn Milliarden US-Dollar bis 2010 wolle er für Impfungen investieren: „Wir müssen dieses Jahrzehnt zum Jahrzehnt der Impfstoffe machen“, forderte Gates.[2]


Eigentlich hätte schon ein Aufschrei der Weltgemeinschaft folgen müssen, als die USA 1993 durchdrückte, die Pflichtbeiträge der Staaten an die WHO einzufrieren. Dass aber auch der Haushaltentwurf Donald Trumps im Jahr 2017 und die Bekanntgabe Trumps 2020 mehr oder weniger unbeachtet blieben, ist ein Skandal. 2017 hatte Trump angekündigt, die Zuwendungen an die UN-Organisationen um fast die Hälfte zu reduzieren. Und 2020 erklärte der US-Präsident, die Beitragszahlungen der USA an die WHO vorerst ganz einstellen zu wollen. Was das bedeutet ist klar: Staatliche, demokratisch legitimierte Institutionen sollen Stück für Stück an Macht und Einfluss verlieren – die Wirtschaft übernimmt.


Mit einer Massnahme hat die WHO schon 2016 dafür gesorgt, dass Unternehmen Einfluss auf die Weltgesundheit nehmen dürfen: Sie änderte die Bedingungen für das Engagement nicht-staatlicher Akteure grundlegend, indem sie Privatunternehmen von nun an die Möglichkeit einräumte, ganz offiziell ihre Vertreter in die WHO-Arbeitsgruppen zu entsenden. Diese Arbeitsgruppen sind es aber, die Entscheidungen treffen. 2017 habe dann bei einer Sitzung des WHO-Exekutivrats ein Mitarbeiter der Süßwarenfirma Ferrero die italienische Regierung vertreten, berichtete der indische Arzt Amit Sengupta, der den regelmäßig erscheinenden alternativen Weltgesundheitsbericht (Global Health Watch) koordinierte und Mitglied der People’s Health Movement, eines globalen Netzwerks von Gesundheitsaktivisten, war.[3]


Die Pharmabranche kann sich der WHO bedienen, wo immer sie es für nötig hält. Setzt die Organisation das ihr zugestandene Geld nicht mehr für Basisgesundheitsprojekte ein, sondern für weltweite Durchimpfungen, sind Spenden eine hervorragende Investition. Denn nicht nur die Aktien der Konzerne steigen, auch verdient die Pharmaindustrie Milliarden am Verkauf ihrer Produkte. Die Hilfsorganisation „Ärzte ohne Grenzen“ beklagt schon seit Jahren, dass sie Kinder in vielen Regionen der Welt nicht mehr so impfen kann, wie sie es für sinnvoll halten: Die Impfstoffe sind einfach zu teuer. So kostete ein Impfpaket für ein Kind 2005 noch 69 Cent, zehn Jahre später mit 45 US-Dollar das 65fache. Allein der Impfstoff gegen Lungenentzündung der Hersteller GlaxoSmithKline und Pfizer katapultierte deren Umsatz um 19 Milliarden US-Dollar in die Höhe. „Das dürfte die Entwicklungskosten längst wieder eingespielt haben“, urteilte der Präsident von „Ärzte ohne Grenzen“, Tankred Stöbe, in einem Interview.[4]


Die Pandemie-Ära nahm 2005 ihren Anfang, als sich die Meldungen über einen neuen Krankheitskeim überschlugen: Das Virus Influenza A/H5N1 war in Umlauf. Klaus Stöhr, damaliger Leiter des globalen Influenzaprogramms und SARS-Forschungskoordinator der WHO, sprach in einem Interview mit dem Fachblatt The Lancet davon, dass die nächste Grippe-Pandemie durch den tödlichen H5N1-Stamm dramatisch verschlimmert werden könne. In einem solchen Fall müsse mit zwei bis sieben Millionen Toten gerechnet werden.[5] Noch nie sei die Wahrscheinlichkeit so hoch wie jetzt, ließ die WHO wissen, zumal zwei der drei Kriterien für das Zustandekommen einer Pandemie bereits erfüllt seien: die Existenz eines neuen Virus und die Übertragung vom Tier auf den Menschen. Sollte die Übertragung vom Menschen auf den Menschen erfolgen, sehe sich die WHO veranlasst, Stufe 6, eine Pandemie, auszurufen. Während zwei Jahre zuvor das SARS-Virus, der Auslöser einer Lungenentzündung (Severe Acute Respiratory-Syndrom) schon 800 Menschen das Leben gekostet hatte, würden es mit Ausbreitung der Vogelgrippe nun erheblich mehr werden können. Mit der Aussage, Millionen Menschen könnten in Gefahr sein, forderte die WHO die Länder auf, Lager mit antiviralen Medikamenten anzulegen. Die Länder regierten umgehend. Neben dem Ordern von Impfstoffen stellten sie nationale Pandemiepläne auf. Doch die verheerende Seuche blieb aus, zu beklagen waren weltweit 861 Erkrankungs- und 455 Todesfälle. 2007 nahm Klaus Stöhr seinen Abschied bei der WHO und wechselte zum Pharmagiganten Novartis, wo er den Posten als Global Director, Influenza Franchises, übernahm.[6]


Nur zwei Jahre später war es wieder schliesslich wieder so weit: Diesmal sah die WHO sämtliche Kriterien erfüllt, und binnen kürzester Zeit nach Auftreten des Schweinegrippe-Virus Influenza A/H1N1 erklärte sie den Pandemiestatus. Und wieder reagierte die Welt mit Panik, bunkerten die Regierungen Impfstoff. Allein Deutschland kaufte Dosen des Impfstoffs Pandremix® für 450 Millionen Euro vom britischen Hersteller GlaxoSmithKline (gsk).


Interessant auch: Die Regierung hielt sich damit an eine Übereinkunft mit gsk aus dem Jahr 2007. Damals hatte sie sich vertraglich verpflichtet, den gsk-Impfstoff zu kaufen, sobald die WHO die Seuche zu einer Pandemie erklärte. Doch auch dieser von der WHO ausgerufene Notstand blieb aus. Die Impfstoffe wurden als Sondermüll entsorgt. Während die einen entsetzt die Köpfe schüttelten und Konsequenzen forderten, dürfte bei den anderen der Champagner in Strömen geflossen sein. Denn allein beim Schweizer Konzern Novartis hatten 40 Staaten bestellt, darunter waren zwei Ordern aus den USA für 980 Millionen US-Dollar. Die Rechnung ging auf. Die Impfwelle, so hatte die Investmentbank UBS vordem geschätzt, würde Novartis ein Umsatzplus von 1,6 Milliarden US-Dollar in die Kasse spülen. Auch für GlaxoSmithKline (gsk) erwies sich die Schweinegrippe als monetärer Segen. Binnen des letzten Quartals 2009 schnellte der Umsatz um 1,1 Milliarden Euro in die Höhe.

Was war los mit der WHO, wie konnte sie sich nur derart verschätzen?


Sicherheit geht vor, so ist man geneigt zu sagen, auch wenn sich im Nachhinein herausstellt, dass die Entscheidung überzogen war. Aber: Für die WHO arbeiten Leute vom Fach. Und Leute mit direkten Verbindungen zur Pharmaindustrie. Einige Jahre zuvor tagte ein Gremium der WHO zur Einschätzung von Epidemien, an der auch die Leiterin der WHO-Impfstoffabteilung, Marie Paul Kieny, teilnahm. Kieny hatte zuvor für das französische Pharmaunternehmen Transgene S.A. gearbeitet, das strategische Partnerschaften zur Impfstoffherstellung mit dem Schweizer Pharmakonzern Roche unterhielt. Als schließlich die von der Schweinegrippe ausgelösten Risiken eingeordnet werden sollten, kam es dazu,

„…dass ein kleines Gremium innerhalb der WHO diesen globalen Notstand ausgerufen hat, und im Hintergrund schon die Industrie sozusagen ihre Impfstoffe produziert haben, die sie dann verkaufen konnten. Gleichzeitig ist über diese Bedrohungslage, die erzeugt worden ist durch die WHO; ein Gefühl der Angst entstanden weltweit. Und Regierungen waren sozusagen gezwungen, um dieser Angst zu entsprechen, diese Lager von Präparaten anzulegen.“[7]


So beurteilte Thomas Gebauer, Geschäftsführer der Gesundheitsorganisation Medico International und Mitbegründer der Initiative Global Health Watch, die damalige Lage. Im Jahr 2004 hatte die WHO ihre Richtlinie zum Umgang mit Grippe-Pandemien erneuert. Mit dabei: drei Autoren, die nebenbei für Vorträge und Beratertätigkeiten Honorare von der Pharmaindustrie einstrichen:


- Fred Hayden, Infektionsmediziner (University of Virginia) schrieb das Kapitel über den „Gebrauch von antiviralen Mitteln während einer Influenza-Pandemie“. Zeitgleich erhielt er Geld vom Tamiflu®-Hersteller Roche.

- Arnold Monto, Epidemiologe (University of Michigan) erarbeitete den Inhalt zu „pandemische Influenza“ und ließ sich von Roche und GlaxoSmithKline bezahlen.

- Karl Nicholson, Infektionsmediziner (University of Leicester) verfasste den Absatz über den Einsatz von Impfstoffen und kassierte ebenfalls Geld von Roche und gsk.[8]


Intransparenz über Abhängigkeiten schürt Misstrauen. Handelt es sich bei den Aktivitäten der WHO tatsächlich um eine Hilfe, das Menschenrecht auf Gesundheit durchzusetzen oder stellen sie eher eine Beihilfe zur Sicherung der Maximalrendite dar?

[1] WHO Gesundheit 21 https://www.euro.who.int/__data/assets/pdf_file/0009/109287/wa540ga199heger.pdf [2] Bill & Melinda Gates Foundation https://www.gatesfoundation.org/Media-Center/Press-Releases/2010/01/Bill-and-Melinda-Gates-Pledge-$10-Billion-in-Call-for-Decade-of-Vaccines [3] Deutschlandfunk Kultur https://www.deutschlandfunkkultur.de/weltgesundheitsorganisation-am-bettelstab-das-dilemma-der.976.de.html?dram:article_id=385853 [4] tagesschau.de https://www.tagesschau.de/inland/impfallianz-stoebe-101.html [5] The Lancet https://www.thelancet.com/journals/lancet/article/PIIS0140-6736(05)17813-1/fulltext [6] Curriculum Vitae Klaus Stöhr https://isirv.org/site/images/stories/downloads/Klaus_Stohr_-_Biosketch.pdf [7] Deutschlandfunk Kultur Podcast https://www.deutschlandfunkkultur.de/unabhaengigkeit-der-weltgesundheitsorganisation-das-dilemma.976.de.html?dram:article_id=423076 [8] Frankfurter Rundschau https://www.fr.de/panorama/pharmafirmen-bezahlen-impfberater-11660809.html

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