Das Virus ist nichts, das Terrain ist alles

Wer kennt sie nicht, die Mitmenschen, die jeder Erkältung zu trotzen scheinen, denen kein nasskalter Novembertag das Fürchten vor dem nächsten Kratzen im Hals lehrt, und die bei gefühlten fünf Grad Wassertemperatur in den nächsten Bergsee springen? Man bewundert sie allenthalben, die Hartgesottenen und Robusten, die Temperatur-Resilienten und Wetter-Gestählten. Ihr Immunsytem sei besonders widerstandsfähig, lautet die landläufige Erklärung. Und tatsächlich ist es unser Immunsystem, das letztlich darüber entscheidet, ob wir erkranken oder nicht. Ausgeklügelte Mechanismen und geschultes „Personal“ in Form bestimmter Blutzellen sorgen für unsere Gesunderhaltung.


von Marita Vollborn


Prinzipiell wird zwischen angeborener und erworbener Immunabwehr unterschieden. Jedem neuen Erdenbürger ist ein bestimmtes Maß an Abwehrmechanismen über seine Erbinformation sozusagen in die Wiege gelegt – sie ist angeboren. Allerdings – und das ist eine recht neue Erkenntnis – werden Babys mit gedrosseltem Immunsystem geboren. Die Natur hat dafür gesorgt, dass das Immunsystem im ersten Jahr nach der Geburt praktisch auf Sparflamme läuft, damit es nicht überfordert wird. Schliesslich kommt das Neugeborene nach Verlassen des Mutterleibs schlagartig mit einer Vielzahl von Krankheitserregern in Kontakt. Eine verminderte Entzündungsantwort schützt das Baby vor zahllosen Scharmützeln zwischen Immunabwehr und Erregern, die letztlich in eine lebensbedrohende Sepsis, eine Blutvergiftung, münden könnten.[1]


Ausserdem muss das Immunsystem lernen, dass bestimmte Mikroorganismen gar keine Krankheitserreger sind: die Darmbakterien zum Beispiel. Zunächst ist der Darm eines Neugeborenen nämlich steril, das heisst, dort gibt es keinerlei Leben. Die Besiedlung mit Darmbakterien erfolgt bei natürlich geborenen Kindern erst während der Geburt und bei sämtlichen Babys stetig in den ersten Lebensjahren. Nur ein ausgewogenes Miteinander der Darmflora und damit der verschiedenen Darmbakterien gewährleistet eine einwandfreie Funktion des Darms. Würde das Immunsystem Darmbakterien als „Feinde“ identifizieren, verschöbe sich das sensibel austarierte Gleichgewicht. Wie bei einem Stück Regenwald, das in eine Monokultur-Plantage aus Kokospalmen verwandelt wird, geriete auch im Darm das austarierte Ökosystem aus dem Takt.


Die körpereigene Abwehr ist lernfähig. Indem sie einen Eindringling identifiziert, gegen ihn kämpft und ihn letztendlich besiegt, schafft sie sich ein immunologisches Gedächtnis. Sollte der gleiche Erreger irgendwann einmal wieder in den Körper eingedrungen sein, erkennt sie ihn wieder, kann schneller reagieren und ihn unschädlich machen: Die Symptome treten dann entweder gar nicht oder wesentlich milder auf. Das ist auch der Grund dafür, warum insbesondere Kinder häufiger unter einer Triefnase leiden als Erwachsene; ihr Immunsystem muss noch viel lernen. Wer sich an dieser Stelle fragt, warum ihn mindestens ein, zwei Mal im Jahr der Schnupfen quält: Eine Immunität gegen Erkältungen gibt es im Prinzip nicht. Denn grippale Infekte werden von vielen verschiedenen Viren verursacht. In 40 Prozent der Fälle sind das, wie bereits erwähnt, Rhinoviren, von denen es wiederum 100 verschiedene Variationen (Serotypen) gibt. Auf RS-Viren (Respiratory-Syncytial-Viren) fallen 15 Prozent, verschiedene Coronaviren (z.B. Humanes Coronavirus 229E, HCoV-229E, oder Humanes Coronavirus OC-43, HCoV-OC43) sind für schätzungsweise 10 Prozent der alljährlichen Erkältungsereignisse verantwortlich, und auch andere Viren wie Adenoviren, Myxoviren oder Echoviren können eine akute Infektion der oberen Atemwege hervorrufen. Insgesamt kommen schätzungsweise 200 verschiedene Virusarten in Betracht.


Die Zellen unseres Körpers sind tagtäglich zahlreichen Stressoren ausgesetzt. Das sind nicht nur Krankheitserreger wie Viren oder Bakterien, sondern auch Umwelteinflüsse. Feinstaub, Pestizidbelastung in der Nahrung, UV-Strahlung, Arbeitsplatzemissionen, Alkohol oder Zigarettenrauch gehören dazu. Insbesondere die Luftverschmutzung setzt Zellen unter oxidativen Stress. In unserer Gesellschaft hat sich die Luftverschmutzung zu einem grossen gesundheitlichen Problem ausgewachsen. Denn zahlreiche Schadstoffe enthalten Oxidantien, die mit Sauerstoff zu aggressiven Verbindungen reagieren. Ozon beispielsweise ist ein stark giftiges Molekül. Seine Vorläuferstoffe stammen vor allem aus dem Strassenverkehr und Feuerungsanlagen. Es reizt ebenso stark die Atemwege wie Feinstaub, der Metallionen und organische Aerosole enthält. Die Konzentration von Feinstaub mit Partikeldurchmessern unter 2,5 Mikrogramm (das ist etwas mehr als die Hälfte einer menschlichen Eizelle) in der verschmutzten Luft von Ballungsräumen kann bis zu mehreren hundert Mikrogramm pro Kubikmeter betragen und ist damit bis zu hundert Mal höher als in der reinen Luft eines Regenwaldes.[2]


Oxidativer Stress – der Begriff verrät schon, worum es im Wesentlichen geht: um eine Belastung des Organismus, die mit Sauerstoff zu tun hat. Denn obwohl Sauerstoff als Lebenselixier schlechthin gilt, ist er auch an Prozessen beteiligt, die Zellen oder Erbsubstanz schädigen und so zu Krankheiten führen können. Augenscheinlich wird die Wirkung von Sauerstoff beim Verderben von Lebensmitteln: Butter wird ranzig, angeschnittenes Obst braun.


„Oxidativer Stress“ beschreibt ein Ungleichgewicht, bei dem sich zu viele zerstörerische Sauerstoffverbindungen im Körper angehäuft haben. Diese werden „freie Radikale“ genannt. Dass es in unserem Organismus überhaupt freie Radikale gibt, ist an sich nichts Besonderes, denn sie bilden sich unablässig in jeder Körperzelle. Sie sind Zwischenprodukte unseres Stoffwechsels. Allerdings kann sich der Körper zu helfen, sofern er gesund ist. Erst wenn freie Radikale überhandnehmen, beispielsweise infolge von Krankheiten, dauerhaft ungesunder Lebensweise oder zu vielen Umweltgiften, wird es kritisch. So werden mit einem einzigen Zug an einer Zigarette rund 10 hoch 14 freie Radikale inhaliert – das sind hundert Billion.[3] Weil Sauerstoff sehr reaktionsfreudig ist, stossen freie Radikale Prozesse an, die normale Reparatur- und Entgiftungsmechanismen des Körpers ausser Kraft setzen können.


Die Gegenspieler der freien Radikale sind die Antioxidantien, chemische Verbindungen, die die Oxidationsprozesse unterbrechen. Sie reagieren mit den freien Radikalen und machen sie dadurch unschädlich. Dank Ihrer Eigenschaft als Radikalfänger geniessen Antioxidantien gerade bei Ernährungsbewussten Kultstatus, denn viele naturbelassene, schonend und frisch zubereitete Nahrungsmittel sind reich an solchen Radikalfängern. Neben Vitaminen, Mineralstoffen, Spurenelementen und Enzymen sorgen auch sogenannte sekundäre Pflanzenstoffe dafür, dass wir gesund bleiben. Die Vielfalt gerade der sekundären Pflanzenstoffe (zu denen beispielsweise die Flavonoide in Trauben und die Carotinoide in Möhren zählen) ist enorm. Bislang kennt die Wissenschaft 100.000 verschiedene, wobei allein 5.000 bis 10.000 in der menschlichen Nahrung vorkommen.[4]


Dennoch erklärt all das noch nicht vollständig die Unterschiede zwischen den Menschen: Warum wird der eine krank, während sich der andere mit Fieberschüben und Halsweh durch den Herbst quält? Eine spannende Frage, auf die die Wissenschaft schon einige Antworten liefern konnte. Wie stark man gegen die Angriffe von Viren und Bakterien gewappnet ist, entscheidet nicht nur, um welche Keime es sich handelt, sondern auch, wie stabil das Immunsystem ist. Chronische oder akute Erkrankungen zum Beispiel schwächen das Immunsystem – es wird nicht nur anfälliger, sondern auch schlechter mit dem Erreger fertig. Besonders deutlich wird dieser Zusammenhang bei der Covid-19-Pandemie. Den Urheber, das Virus SARS-CoV-2, müssen vornehmlich jene fürchten, die älter und vorerkrankt sind wie Menschen mit Krebs, mit Erkrankungen des Atmungssystems, der Leber oder der Niere zum Beispiel. Auch Immungeschwächte und Menschen mit Autoimmunkrankheiten sind betroffen oder Patienten, die sich einer Therapie mit abwehrschwächenden Medikamenten unterziehen müssen. Das Gros derjenigen, die mit dem Virus in Kontakt kommen, zeigt entweder keine oder milde Verläufe. Diese Besonderheit spiegelt sich auch in den Zahlen wider.


Die Marschrichtung der Regierungen, mit Lockdowns und sich überschlagenden Meldungen über immer mehr Infizierte die Panik vor einem Virus zu schüren, das grob fahrlässig in einem Atemzug mit Pest und Cholera genannt wird, veranlasste den Vorstand der Kassenärztlichen Vereinigung Hamburg, Walter Plassmann, am 14. September 2020 zu einem Gastbeitrag für das „Hamburger Abendblatt“. Bei Corona sei „die Wahrscheinlichkeit, sich zu infizieren, sehr gering, die Wahrscheinlichkeit zu erkranken, hoch gering und die Wahrscheinlichkeit, schwer zu erkranken oder gar zu sterben, äusserst gering“, urteilte der Mediziner.[5]


Das Virus SARS-CoV-2, das in der chinesischen Stadt Wuhan ausbrach und sich gen Westen verbreitete, gehört zu einer Virenfamilie mit vielen Mitgliedern, den Coronaviridae. Ihre Vertreter befallen die verschiedensten Wirbeltiere – von Säugetieren über Vögel bis hin zu Lurchen und Kriechtieren. Derzeit bekannt sind sieben humanpathogene Corona-Vertreter (HCoV-OC43, HCoV-229E, HCoV-NL63, HCoV-HKU1, SARS-CoV, auch SARS-CoV-1, SARS-CoV-2, MERS-CoV). Allerdings ist davon auszugehen, dass noch weitere Typen in der menschlichen Population kursieren.[6] Allen Coronaviren gemeinsam ist der Zielort: Stets attackieren sie den Atemtrakt – jedoch mit unterschiedlicher Intensität. Es gibt Arten, die nur leichte grippale Infekte auslösen und solche, die schwerste Krankheitsbilder zur Folge haben. Typisch ist auch die große genetische Bandbreite der Coronaviren. Das befähigt einzelne Spezies, die Artengrenze zu überspringen und Wirte verschiedener Arten zu infizieren. Hierzu zählt das SARS-CoV (=SARS-CoV-1), das seit 2003 bekannt ist, schwerpunktmäßig in Ostasien auftrat und sowohl Fledermäuse als auch Schleichkatzen und Menschen befällt sowie das 2012 identifizierte MERS-CoV, das neben Dromedaren ebenfalls den Menschen infiziert und vor allem auf der arabischen Halbinsel zu finden ist. Auch SARS-CoV-2 gehört in diese Gruppe.[7]


Seit die Weltgesundheitsorganisation (WHO) am 30. Januar die Covid-19-Pandemie als „gesundheitliche Notlage von internationaler Tragweite“ ausrief, lähmt die Frucht viele Menschen. Wie ein Damoklesschwert schwebt die Hiobsbotschaft über ihren Köpfen: SARS-CoV-2 tötet; ihr könnt dem nur entkommen, wenn ihr euch an die von den Behörden diktierten Massnahmen haltet.


Menschen unseres Kulturkreises fürchten den Tod. Erste Schreckensbilder aus Wuhan, die aufflammende Agitiertheit der Verantwortlichen, gepaart mit omnipräsenten Kassandrarufen insbesondere des Virologen Christian Drosten von der Berliner Charité und sämtlicher etablierter Medien, lassen die Bewohner Mitteleuropas den Atem anhalten und die Gesellschaft erstarren. Nationen versinken in Angst, der gesunde Menschenverstand gefriert. „Blinder als blind ist der Ängstliche“, sagte einst der Schriftsteller und Architekt Max Frisch, und sein Sinnspruch bewahrheitet sich in Zeiten der Coronakrise auf erschreckende Weise.


Dauerhafte Angst jedenfalls gehört keineswegs zu den Dingen, die Bestandteil einer gesunden Lebensweise sind. Im Gegenteil: Gerade längerfristiges und unkontrolliertes Angsterleben wirkt sich negativ sowohl auf unser Gehirn als auch auf unser Immunsystem aus.


Eigentlich ist Angst ein wichtiger Schutzmechanismus des Körpers und angeboren – aber nur bis zu einem gewissen Grad hilfreich. Führt sie zu einer angemessenen Reaktion, hat alles seine Richtigkeit. Problematisch wird es dann, wenn die Angst von Dauer ist, der Betroffene sie nicht kontrollieren kann und sich ununterbrochen in einer Art Notzustand befindet. Nicht nur Traumata, auch Angstkrisen schreiben sich zumindest als erhöhte Verletzlichkeit (Vulnerabilität) ins genetische Gedächtnis ein. Zahlreiche Experimente mit Mäusen und psychologische Studien konnten das belegen.


[1] Kinderärzte im Netz https://www.kinderaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/babys-werden-mit-gedrosseltem-immunsystem-geboren/ [2] Lungenärzte im Netz https://www.lungenaerzte-im-netz.de/news-archiv/meldung/article/mehr-ueber-die-chemischen-effekte-von-luftschadstoffen-auf-die-atemwege/ [3] spektrum.de https://www.spektrum.de/lexikon/biologie/freie-radikale/25601 [4] pflanzenforschung.de https://www.pflanzenforschung.de/de/pflanzenwissen/lexikon-a-z/sekundaere-pflanzenstoffesekundaermetabolite-766 [5] Hamburger Abendblatt https://www.abendblatt.de/meinung/article230410736/corona-walter-plassmann-kassenaerztliche-vereinigung-chef-gelassenheit-pandemie-arztruf-gastbeitrag.html [6] Altmeyers Enzyklopädie https://www.enzyklopaedie-dermatologie.de/innere-medizin/coronaviridae-111893 [7] Nature Public Health Emergency Collection https://www.ncbi.nlm.nih.gov/pmc/articles/PMC7079972/ [8] Helmholtz-Zentrum München https://www.helmholtz-muenchen.de/aktuelles/uebersicht/pressemitteilungnews/article/42895/index.html [9] neurologen-und-psychiater-im-netz.org https://www.neurologen-und-psychiater-im-netz.org/psychiatrie-psychosomatik-psychotherapie/news-archiv/meldungen/article/anspannung-und-aggression-die-coronakrise-belastet-die-psyche/

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