Baumfällungen in Osterode am Harz: Bestsellerautoren schreiben offenen Brief

LifeGen.de, 18.3.2014


Bestsellerautoren schreiben offenen Brief


Sehr geehrter Herr Becker,


Sie erinnern sich sicher an unser Pressegespräch vor etwa einem Jahr, das die Grundlage für einen Beitrag im Deutschlandradio Kultur war. Es ging damals um das massive Abholzen der ehemaligen Schießanlage am Fuße des Naturschutzgebietes und die äußerst fragwürdigen Gegebenheiten rund um die Vergabe des ehemaligen Militärgeländes an die Phalanx GmbH. In diesem Zusammenhang hatten wir auch über die ausufernden Fällarbeiten entlang der Bundesstraßen und Eisenbahnlinien, insbesondere der B 243 sowie der Eisenbahnstrecke innerhalb Osterodes und zwischen Northeim und Herzberg, gesprochen sowie die in den Städten und Gemeinden weit verbreitete Affinität zu wenig fachgerechten Schnittmaßnahmen an Bäumen und willkürlichen Fällungen insbesondere alter Bäume. Sie hatten uns damals gesagt, dass Sie als Bürgermeister großen Wert auf ein Stadtbild legen, das auch auf Grund der Grünanlagen und der integrierten teils Jahrzehnte alten Bäume touristisch attraktiv wirken müsse, und dass Sie den Wert eines alten städtischen Baumbestandes hoch einschätzten – offensichtlich ein Lippenbekenntnis, denn das alljährliche Fällen im Frühjahr geht unvermindert weiter.



Jüngstes Beispiel ist die Schwimmbadstraße. Zunächst wurde ein Baumbestand an einem Hang gefällt, so dass der Boden nun frei liegt und somit der Witterung preisgegeben ist. Die Erosionsgefahr wurde mit dieser Maßnahme um ein Vielfaches erhöht, womit auch das Risiko steigt, dass der Hang mit den aufliegenden schweren Steinen auf den Fahrradweg abrutscht. Natürlich stellt sich die Frage nach der Sinnhaftigkeit der Fällung, denn ohne eine entsprechende Hangsicherung dürfte das Abrutschen nur eine Frage der Zeit sein. Völlig unverständlich ist, warum die Stadt hier, statt Kosten zu sparen und die Gratisleistung der Natur – nämlich den Schutz durch die Wurzeln intakter Pflanzen – weiterhin in Anspruch zu nehmen, eine solche Gefährdung in Kauf nimmt. Zu erwarten ist, dass die Kosten für die Hangsicherung wiederum auf die Allgemeinheit, sprich: die Anwohner abgewälzt wird und allein das beauftragte Unternehmen profitiert.


Ein weiteres Beispiel ist die Fällung eines gesunden Altbaumes auf dem Gelände des Kreiswohnbaus Osterode, für den wir uns bereits ein Jahr zuvor eingesetzt hatten. Laut Bundesnaturschutzgesetz § 39 Abs. 5 ist aus Artenschutzgründen ein Fällen in der Zeit zwischen dem 1. März und dem 30. September verboten. Wahrscheinlich beruft sich der Kreiswohnbau darauf, dass der Altbaum auf einem Privatgrundstück stand und damit von dieser Regelung ausgenommen sei. Der Kreiswohnbau veranlasste die Fällung durch die Fa. Hogreve an den Tagen um den 10. März. Was der Kreiswohnbau allerdings außer Acht gelassen hatte: Das Brutgeschäft hatte bereits begonnen; auf dem Baum hatte ein Ringeltaubenpaar ein Nest gebaut – die Störung und Unterbrechung ist ein eindeutiger Verstoß gegen das Bundesnaturschutzgesetz sowie gegen die EG-Vogelschutzrichtlinie.


Offensichtlich haben weder die Verantwortlichen des Kreiswohnbaus noch Sie als Bürgermeister, obgleich Sie in unserem Gespräch Gegenteiliges geäußert hatten, ein Interesse am Erhalt des alten Baumbestandes – trotz der Tatsachse, dass dieser nicht nur das Stadtklima erheblich verbessert, sondern auch eine ästhetisch wertvolle Rolle spielt. Kennen Sie eigentlich die Wohlfahrtsleistungen eines alten Baumes? Hier sind einige davon:


- Er produziert pro Stunde über 1,7 Kilogramm Sauerstoff und deckt damit den Verbrauch von zwei Erwachsenen pro Tag.


- Er bindet 70 Prozent der Stäube in der Luft.


- Er sorgt für eine Lufterneuerung von 20 Kubikmetern am Tag.


- Bäume können bis zu 12 Dezibel Lärm mindern.


- Ein Baum dieser Größe ist Lebensraum von über 150 Insektenarten, 75 Schmetterlingsarten, mehreren Dutzend Vogelarten.


- Dank seiner Verdunstungsleistung ist es an heißen Sommertagen in seinem Kronenbereich um fünf Grad kühler.


- Es müssten 2.500 Jungbäume gepflanzt werden, um die Leistungen eines einzigen alten Baumes adäquat zu ersetzen.


Diese Leistungen sind unbezahlbar und werden auf Grund der derzeitigen monetären Verwertungsmentalität der Verantwortlichen in Politik und Verwaltung in keiner Weise anerkannt und geachtet. Stattdessen werden die Anwohner systematisch verunsichert: Das übliche Totschlagargument der Verkehrssicherheit dient dazu, jede Art des Vorgehens zu rechtfertigen. Statt Aufklärung über den Dienst von Stadtgrün und Altbäumen zu betreiben und sachlich-fundiert zu argumentieren, werden bei den Anwohnern Ängste geschürt. Vermutlich stehen ganz andere Beweggründe im Vordergrund – das Einsparen der Kontrollen in fünfjährigen Abstand durch eine unabhängige Fachfirma etwa, die Kosten für die Entfernung des Laubes, oder, was besonders perfide wäre, die Verwertung des anfallenden Holzes. Immerhin hat allein dieser Baum schätzungsweise zwei bis drei Festmeter Holz erbracht. Fraglich ist, wer den finanziellen Nutzen aus diesem Holz zieht.


So beschränkt sich die Grünflächenpflege der Stadt auf den kastenförmigen Beschnitt von Sträuchern und das jährliche Auf-den-Stock-Setzen von Gehölzen sowie das Entfernen von Starkästen an Altbäumen – fern jeder gärtnerischen und baumpflegetechnischen Kompetenz. Altbäume werden auf diese Weise erst anfällig gegenüber Pilzbefall; wenige Jahre genügen, um sie tatsächlich aus Verkehrssicherheitsgründen fällen zu müssen. Da Osterode über keine Baumschutzsatzung verfügt, kann entsprechend jeder nach Gutdünken handeln. Dass das Stadtbild und die Lebensqualität leiden, und die Stadt auch für Besucher und Durchreisende an Attraktivität einbüßt, scheint ebenso wenig einen Gedanken wert zu sein wie fortschrittliche klimaökologische Überlegungen – obwohl Sie als Bürgermeister dafür Sorge tragen müssten, dass die Verantwortlichen zeitgemäß planen und handeln. Studien wie die des Ökonomen Pavan Sukhdev „The Economics of Ecosystems and Biodiversity“ veranschlagen den weltweiten Waldverlust auf zwei bis fünf Billionen Dollar, weshalb auch Deutschland sich zu mehr Klimaschutz verpflichtet hat. In vielen Städten und Gemeinden allerdings nur auf dem Papier: Die Behörden vor Ort opfern den Baumschutz regelmäßig kurzfristigen ökonomischen Interessen.


Wir leben in dieser Stadt und wir setzen uns für ein Umdenken in der Verwaltung und in der Bevölkerung ein. Denn Klimaschutz ist Baumschutz – und dieser fängt im Kleinen an. Es wäre fatal, wenn man das Kürzel OHA in Bezug auf den Umgang mit Gehölzen synonym verwendet würde für: Osterode holzt ab. Daher haben wir uns entschlossen, eine Bürgerinitiative zu gründen, die in Zukunft als Wächterorganisation aktiv ist und die Abholzaktivitäten der Stadt, des Landkreises und der Unternehmen kritisch beobachtet. Entsprechend bitten wir alle interessierten Mitbürgerinnen und Mitbürger, die sich an der Bürgerinitiative beteiligen möchten, sich unter der E-Mail-Adresse lifegen@hush.com zu melden.


Mit freundlichen Grüßen


Marita Vollborn,

Vlad Georgescu


Osterode, den 18.3.2014


Der Offene Brief der Autoren wurde von LifeGen.de unverändert übernommen und publiziert. Darin gemachte Aussagen müssen nicht zwangsläufig die Redaktionsmeinung wiedergeben

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